Nun, bei der Nachbearbeitung unseres Arbeitskreises „Wirtschaft und Politik – zwei Systemlogiken. Kann das Vertrauen im Unterschied wachsen?“ bei den Alpbacher Wirtschaftsgesprächen sticht mir ins Auge, dass wir bisher wenig Einblick in die inhaltliche Auseinandersetzung dieses Nachmittags gaben. Das möchte ich noch nachholen, denn unsere Zielsetzung beinhaltete beide Dimensionen – einerseits die Erprobung einer ressourcenorientierten Methodik, die in kürzerer Zeit mehr Unterschied macht als herkömmliche Formate und andererseits die Findung von Ansätzen, welche die Zusammenarbeit der zwei Funktionssysteme Wirtschaft und Politik verbessern könnte. Dieses inhaltliche Interesse hat viel mit unserem Arbeitsalltag zu tun, in dem wir uns als BeraterInnen in beiden Systemen bewegen: Wir erschrecken immer wieder, welches Ausmaß an Unverständnis für die jeweils andere Seite spürbar wird bzw. wie viel „Übersetzungsarbeit“ wir leisten müssen.
Die Bauwerke der jeweiligen SystemrepräsentantInnen – Bundesministerin Heinisch-Hosek und Landtagsabgeordneter Chorherr für die Politik sowie Unternehmerin Schatzdorfer und Geschäftsführer Dressler für die Wirtschaft – sahen sehr unterschiedlich aus:
Die Wirtschaft wählte für sich das Bild einer Art von Burg, deren Innenleben geordnet, sauber, klar und transparent organisiert sei, weil „man anders in der komplexen Welt nicht funktionieren kann“. Sie bilde einen Schutzraum für die unternehmerische Person, die mittels einer Tigerfigur dargestellt wurde, weil sie ähnlich „bedroht ist, aber geschützt werden sollte“ und „schnell und wendig“ sei. Deutlich zu erkennen war im Inneren außerdem eine zentrale, hierarchische Struktur: Die ErbauerInnen unterstrichen verbal, dass diese „nur drei Stufen“ beinhalte. Und sie wiesen auf den angelehnten Smiley hin, der befriedigendes Miteinander darstellen sollte. Rund um die Burg befanden sich unterschiedlichste Tiere, welche für die BaumeisterInnen die Unwägbarkeiten symbolisierten, auf welche sie „ununterbrochen reagieren müssen“. Ebenfalls außerhalb der Burgmauern verliefen Wege, in denen große Steine lagen – für die RepräsentantInnen der Wirtschaft „die Steine, die uns die Politik ständig in den Weg legt“.
Die Politik entschied sich für die Metapher des Dschungels, der von außen chaotisch anmute, weshalb er schwer erklärbar und „die Erstannäherung immer schwierig“ sei. Statt einem Machtzentrum gibt es mehrere, ähnlich einem Netzwerk: Aufgebaut und mit einem Fähnchen ausgewiesen wurden zum Beispiel Regierung, Verwaltung, Sozialpartner, Parteien, Lobbyisten, Interessensvertretungen, NGOs und Wirtschaft, wobei die BaumeisterInnen erläuterten, dass dies nur ein Ausschnitt sei, weil „Politik kein Ende hat“. Bei der Präsentation des Bauwerks unterstrichen die ErbauerInnen, dass „die Erwartung eines rationalen Zentrums in einer Demokratie nicht erfüllbar“ sei und sie sich freuen, „wenn Vieles trotzdem geht“. Am Rande des Dschungels fanden sich zwei den RepräsentantInnen der Politik sehr wichtige Symbole: Auf der einen Seite ein Schachtelhalm an dessen Ende ein Luftballon hing und ins System zielte – damit sollte das „ständig auftauchende Unerwartete, das völlig unterschätzt wird“ dargestellt werden. Gegenüber fand sich eine kleine Sonnenblume, die den Wunsch der Politik ausdrückte, wärmende und orientierende Sonne für die Menschen sein zu können.
In der Diskussion der Bauwerke entlang der Frage, wie Wirtschaft und Politik trotz ihrer Unterschiede gemeinsam agieren könn(t)en, entstanden folgende Ideen: Einige TeilnehmerInnen meinten, dass es notwendig wäre, aus der gegenseitigen Abwertungsspirale heraus zu treten, indem die Systeme sich mehr vertrauen, dass sie ihre jeweiligen Aufgaben verantwortungsvoll wahrnehmen. Andere forderten von den Systemen Wirtschaft und Politik die Akzeptanz der Komplexität bzw. Dynamik des eigenen und des anderen Systems sowie der Schnittstellen zwischen ihnen. Dafür wäre Austausch – ständig in Kommunikation bleiben – wichtig, wofür sich aber beide Seiten explizit Zeit nehmen müssten. Ein weiterer Ansatz war, dass es GrenzgängerInnen bräuchte, die Informationen von einem ins andere System tragen bzw. dass eigentlich möglichst viele AkteurInnen im Laufe ihres Lebens in beiden Systemen agieren sollten, um Erfahrungswissen betreffend des jeweils Anderen zur Verfügung zu haben. Schlussendlich wurde darüber nachgedacht, welche Strukturen man schaffen könnte, die Entscheidungen verbesserten und beschleunigten bzw. ob es dafür ein übergeordnetes Ziel der beiden Systeme als Klammer benötigte.
Soweit meine – natürlich subjektive – Nachbetrachtung des Arbeitskreises. Sollte es andere Wahrnehmungen davon geben, freue ich mich über Kommentare!
Tags: Alpbach, Chorherr, Dressler, Heinisch-Hosek, Schatzdorfer, System Politik, System Wirtschaft, Systemische Aufstellung, Systemlogiken

Danke für den interessanten Bericht. Aber ist Wirtschaft und Politik wirklich so weit von einander entfernt? Unternehmertum und österreichische Regierung und Verwaltung wohl schon, aber ist das das ganze Bild?
Das Bild des Dschungels passt doch auf jeden Konzern und dessen Strukturen und Entscheidungswege. Wechseln nicht Politiker laufend in die Wirtschaft oder übernehmen dort Aufgaben und Funktionen. Ob hier wirklich so eine Trennung besteht? Wohl am ehesten für jene, die nur “in der Politik groß geworden sind”, oder?
Dass zwischen Unternehmertum und Österreichischer Regierung und
Sicher eine analytische Überspitzung – hoffe, dass es Grautöne gibt
Besten Gruß,
Katrin Uhlik